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Grenzgänge in Kunst und Werbung

Geschrieben von: Designer
Datum: Samstag 8. August 2009 17:46:48

Heutzutage ist "radikal" zu einem Modewort für alles und jedes geworden.
Politiker und Banker reden von radikalen Entscheidungen und radikalen
Einsparungen. Doch was bedeutet das Wort eigentlich? Für den Künstler Jeff
Koons ist radikale Kunst etwas, das einem eine frische Sichtweise
verleiht, Dinge neu zu betrachten. Und für den Vorreiter provozierender
Werbung, Oliviero Toscani, ist radikale Werbung ohne Kunst nicht denkbar.
Um das sich derzeit verändernde Zusammenspiel von Kunst und Werbung geht
es dem Filmemacher und Werbekreativen Hermann Vaske in seiner
Dokumentation.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts protestierte radikale Kunst gegen den
Status quo. Kunst wollte das Leben selbst verändern. Auch zu Beginn der
30er Jahre installierten Künstler wie George Grosz in Deutschland in der
Kultur eine Form von Protest. Und während noch in der Kunst der 60er Jahre
radikale Veränderungen spürbar waren, haben wir es, laut Malcolm McLaren,
britischer Künstler, Modemacher und Musiker, der auch als Erfinder des
Punk gilt, seit ein paar Jahren mit einer Kunst zu tun, die die bereits
existierende Kultur fördert, aber nicht infrage stellt. So wurde Kunst -
auch mit Hilfe der Werbung - zur Marke. Jeff Koons, selbst zu einer
globalen Marke geworden, ist der Spagat zwischen Kunst und Mode, Medien
und Geld erfolgreich gelungen. Für ihn impliziert radikale Kunst freies,
offenes Denken und die Neugier auf Möglichkeiten.

Was für die Wall Street gilt, konnte in den letzten Jahren auch auf dem
Kunstmarkt beobachtet werden, ein "Tanz ums goldene Kalb". Für den
Direktor des NRW Forums Wirtschaft und Kultur, Werner Lippert, der im
letzten Sommer die Ausstellung "Radical Advertising" kuratierte, sind es
die Modelabels, die Kunst und Kommerz in Form von radikaler Werbung
zusammengeführt haben. Seit den 80er Jahren ist Oliviero Toscani Pate und
Vorreiter radikaler Kommunikation. Seine auf sozialen Positionierungen
beruhende Kampagne für das Modehaus "Benetton" war ein Paradigmenwechsel
in der Mode-Werbung. Toscani ist ein gutes Beispiel dafür, dass radikale
Werbung ohne Kunst nicht denkbar ist. Für ihn steht das Element der
Überraschung an der Spitze der Pyramide radikaler Kommunikation. Und für
Dave Droga von der New Yorker Werbeagentur Droga5 sind die einfachsten
Lösungen momentan die radikalsten.
Radikale Werbung macht auch der in New York lebende Südafrikaner Roald van
Wyck, unter anderem für den Tierschutz. Und in Frankreich setzen sich die
Déboulonneurs kritisch mit Werbung auseinander. Die Aktivistengruppe
bekämpft Werbung im öffentlichen Raum als visuelle Umweltverschmutzung.
In der Folge der Finanzkrise erlebt unsere Gesellschaft nun auch in den
Bereichen Kunst und Werbung einen Wandel. Dafür stehen Begriffe wie
"Entschleunigung", "Slow Food" und "Slow Culture". Es kommt nicht mehr
darauf an, immer bombastischere Werke und Events zu schaffen. Nach dem
Overkill der Kultur des Habens und der Gier der letzten Jahrzehnte stellt
sich die Kunstwelt auf Entschleunigung ein. So gestaltet der Kalifornier
Fritz Haeg, Architekt und radikaler Gärtner, Gartenanlagen, die Nähe zur
Wirklichkeit demonstrieren und den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Möglicherweise ist es zu früh, ein endgültiges Fazit zu ziehen.
Filmemacher Hermann Vaske sieht sich auf jeden Fall als Zeuge einer
aufregenden Zeit, einer Zeit des radikalen Wandels.

 

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